Trainingslager Gran Canaria

Freitag 10 Januar 2014 um 23:23

Radfahren in der sonnigen Wärme, wenn es in Deutschland im Januar noch eisig ist? Das ist möglich! Und man muss dazu nicht nach Südafrika fahren (obwohl ich dort gern mal hinmöchte ...). Auf Mallorca ist es im Januar unter Umständen ebenfalls noch sehr frostig. Man kann zwar schon einige warme Tage haben, aber darauf vertrauen? Und dann doch mit Handschuhen durch die Gegend fahren und Schnee in den Bergen genießen? Nee, lieber nicht.

In den vergangenen Jahren hat sich eine weitere spanische Insel zum Wintertrainingsziel gemausert. Gran Canaria! In Sachen Klima ein kleiner Mini-Kontinent. Und der Ausbau hinsichtlich Fahrrad-Infrastruktur? Nun ja, nicht so wie DIE Radfahrinsel Mallorca, man muss schon ein wenig nach Informationen suchen. Daher hier ein Abriss, welche Vorbereitung ich getroffen habe, wie es mir jetzt in den ersten drei Tagen ergangen ist, und was ich in den nächsten Tagen noch vor habe. Ich hoffe, diese Informationen helfen dem ein- oder anderen bei seiner Vorbereitung.

Gran Canaria ist klimamäßig ein kleiner Mini-Kontinent. Im Norden regnerischer und kühler, dadurch aber auch mit mehr Vegetation. Der Süßen wärmer und trockener, dafür eher eine Karstlandschaft. Gran Canaria ist eine Vulkan-Insel, daher steile Berge zu Inselmitte, flache Bereiche nur an den Küsten. 

Wohin?

Weil meine Begleitung das Ziel vorgegeben hat, bin ich in Playa del Ingles (Strand der Englänger), im Süden gelandet. Hier gibt es aber kaum noch Engländer, dafür aber viele, alte, deutsche Menschen, die hier "überwintern". Also häufig in der Zeit von Dezember bis März hier bleiben und nicht selten auch mehr als vier Wochen! Ich habe selten so viele alte Menschen gesehen wie hier! Die Anzahl an Rennradfahrern ist nicht so üppig wie auf Malle. Dort hat man ja schon eher das Gefühl, jeden Morgen ginge eine gut besuchte RTF los. Hier fahren auch ein paar Mannschaften durch die Gegend, aber sehr viel weniger, hin und wieder auch Einzelfahrer und kleine Gruppen.

Rad leihen?

Schaut man ins Internet, findet man nur ein Radverleih von dem alle sprechen. Free Motion, mitten in Playa del Ingles im Hotel Sandy Beach. Der Laden ist recht professionell. Ich bin auf der Suche nach Free Motion auch bei Happy Biking gelandet. Haben auch Rennräder, der Laden wirkte aber eher wie eine Bastelbude. Aber das war nur mein erster Eindruck, ich war dort schnell wieder draußen, die junge Dame dort hat mir nur widerwillig und unvollständig den Weg zu Free Motion erklärt. Nun ja, ist ja verständlich. Free Motion bieten auch geführte Touren an, sowohl für Einsteiger wie auch für sportlichere Fahrer. Die Touren sind in einer kleinen Broschüre, die es dort am Geschäft gibt, gut beschrieben und geben auch einen ersten Überblick über die Schwierigkeitsgrade. 

Was für ein Rad?

Ich habe mich für ein Cannondale Synapse Carbon Ultegra 3 entschieden. Es handelt sich um ein sogenanntes Endurance-Bike, also eines bei dem der Fahrkomfort vor der Sportlichkeit kommt. Und ich muss nach zwei Ausfahrten sagen, das ist schon sehr bequem. Vor allen Dingen wollte ich die 2014er Ultegra 11 Gang testen, denn im Frühjahr steht der Kauf eines neuen Rades an. Und an dem favorisierten Modell ist genau diese Schaltung verbaut. Ergo, testen wir die doch mal unter Realbedingungen, und nicht nur bei ein paar Runden im oder vor dem Radladen. Das Rad wird mit Pedalen verliehen, auf Malle muss man die immer mitbringen. Ich hatte Körpergröße, Rahmenhöhe und Gewicht angegeben und genau dieses Bike bekommen. Das Rad war schon recht gut eingestellt, ich musste nur den Sattel etwas höher und den Lenker etwas tiefer machen, denn ich fahre mit recht viel Gewicht auf den Armen. Der Mitarbeiter bot mir an, das Rad mit mir zusammen einzustellen, aber das habe ich dankend abgelehnt. Ich kenne mich, ich brauche immer 20 - 30 km mit ständigen Nachjustieren, bis das Bike so ist wie ich es haben will. Daher hätte das "Setup" nicht so viel gebracht.

Negativ ist, dass der Verleih keine Versicherung für das Rad anbietet. Ein Sturz oder Diebstahl und man haftet selbst. Das finde ich nicht so gut, werde es dem Laden beim Abgeben des Rades mit auf dem Weg geben, dass sie sich mal nach einer Versicherung umschauen. Auf Malle geht das doch auch?

Das Rad wird mit einem besonderen Übersetzungsverhältnis verliehen. Vorn habe ich eine Kompaktkurbel mit 50/34 Zähnen von FSA, hinten eine Mountain-Bike-Kassette, die bedingt durch 11 Gänge die Kränze von 12 bis 32 Zähnen abdeckt. Überall kann man lesen, so etwas braucht man hier, und nach meiner heutigen Tour weiß ich, das stimmt auch! Mallorca ist im Gegensatz zu Gran Canaria flach wie ein Suppenteller! Will man hier auch noch nach ein paar Tagen durch die Gegend fahren braucht man die Übersetzung! Denn hier ist gar nichts flach, noch nicht mal die Küstenstraße! Das bedingt auch, dass man hier tunlichst nicht untrainiert herkommen sollte. Grundlagenausdauer kann man sich hier nicht holen! Aber dazu später mehr! Für 7 Tage kostet das Bike 154 Euro. Das ist teurer als auf Malle und sicherlich dem Umstand geschuldet, dass es hier bisher wohl keine wirkliche Konkurenz für den Laden gab. Aber dafür gibt auch schon im Januar das 2014 Modell!

Radkeller im Hotel?

No, hier nimmt man das Rad mit aufs Zimmer! Habe mich mit ein paar Leuten unterhalten, die haben ihre Räder alle mit auf den Zimmern. Ergo, Unterbringung eines evtl. Radkoffers auch im Zimmer, und der nimmt schon einigen Platz weg. Aber bei den Preisen, die die Flugunternehmen mittlerweile für den Transport von Sperrgepäck nehmen ist man mit Leihen ohnehin besser dran.

Strecken, oder, wo gibts denn hier tolle Touren?

Wer ein GPS-Gerät sein Eigen nennt ist gut dran, denn von Playa del Ingles gibt es div. Touren zum herunterladen. Diese findet man bei GPSies.com. Aber zuvor stellt man noch fest, dass die Kanarischen Inseln nicht bei der Europa-Karte dabei sind. Also muss man zuvor Kartendaten für die Inseln finden und auf seinem Garmin installieren. Man kann natürlich auch gekaufte Karten verwenden, aber die Kartendaten von OpenStreetMap sind auch für die Kanarischen Inseln sehr gut. Ich habe hier eine spanische Download-Adresse gefunden. Die Karten sind relativ klein und daher schnell installiert. Ich verwende die Base-Map. Sie hat zwar ein etwas gewöhnungsbedürftiges Farbschema, aber für den angestrebten Zweck reicht es völlig. 

Auf gehts zur Einrollrunde ...

Nachdem ich trotz des frühen Flugs erst um den Mittag herum mein Rad geholt habe, und auch, weil ich nicht so gut vorbereitet war, bin ich den ersten Tag "ohne alles" losgefahren. Eigentlich wollte ich nur das Rad einstellen und so nach 20 - 30 km wieder zu Hause sein. Aber das Wetter war zu gut! 27 Grad! Wolkenloser Himmel, kurze Hose und Trikot, da wollte ich doch schon ein bisschen mehr fahren. Um aus Playa del Ingles heraus zu kommen, muss man immer Rtg. Port de Mogan fahren, oder auch Rtg. Puero Rico. Das ist die Strecke an der Küstenstraße entlang. Ein Radfahrfreund (danke Walter) sagte mir, für den ersten Tag wäre das genau richtig. Und das ist sie auch! Ich bin auf der Suche nach dem Ausgang einige mal hin- und hergekurvt, bin dann aber schließlich auf der GC-500, der Straße Rtg. Mogan gelandet. Und hier geht es heftig rauf- und runter! Das Rad lief gut und die Übersetzung hat sich bewährt! Mit der Kraft des ersten Tages bin ich bis Port de Mogan gefahren. Die Küstenstraße ist sehr kurvig und häufig unübersichtlich. Weil es keine alternativen Strecken durchs Landesinnere gibt ist die Straße auch von Bussen und LKW relativ dicht befahren. Das nervt! Auf Malle ist das nicht so. Vor einer Bucht geht es immer hoch (so 50 - 90 Meter), dann scharf runter (Geschwindigkeit über 60) durch einen Kreisel und dann gleich wieder mit 8% hoch. Ein tolles Intervall-Training, keine Frage! Aber auch Kräftezehrend! Deshalb sollte man sich hier auf Strecken bis max. 100 km einstellen. 

Ich wollte rechtzeitig zum Abendessen wieder zurück sein, also habe ich in Port de Mogan nur einen Kaffee getrunken und bin dann gleich wieder zurück gefahren. Das reicht für den ersten Tag. 70 km mit 930 hm. Das ist ordentlich für eine "Küstenstraße"!

Zweiter Tag - Zwangspause!

Auch auf Gran Canaria kann es regnen, und zwar den ganzen Tag lang! Der Wetterbericht, den ich mir schon in Deutschland angeschaut hatte, traf leider zu 100% zu. Den ganzen Tag Regen, und wenn es mal eine Stunde aufgehört hatte, fing es gleich um so heftiger wieder an. Ich habe die Zeit genutzt mein Schlafdefizit auszugleichen. Ich bin dann nachmittags gegen drei Uhr nochmal los, wurde aber nach 2 km schon gleich wieder nass und musste mich unterstellen. Ich bin dann wieder zurück, weil die Straßen sehr schnell sehr glatt wurden. Mein Hinterrad ging zweimal in der Kurve weg. Das Risiko wollte ich am zweiten Tag nicht eingehen. 

Heute, perfekt!

Für heute hatte ich die erste Bergtour geplant. Von Playa del Ingles nach Port de Mogan, von dort in die Berge auf 941 Meter, und über Tauruspass wieder zurück. Das Wetter war super, ich bin heute morgen noch mit Windweste losgefahren, habe die aber schon nach 20 km aufgemacht. Die Fahrt nach Port de Mogan kannte ich schon, ziemlich wellig, dann geht es auf der GC-200 ins Landesinnere. Zunächst moderat, dann steiler auf einer neu gemachten Straße. Alles super! Hin- und wieder Steigungen bis 16 Prozent, mit ordentlichen Serpentinen. Vergleichbar mit dem Mallorca-Anstieg von Bunyola zum Orient, nur länger! Mit der Schaltung gut zu bewältigen, ich konnte flüssig kurbeln!

Oben habe ich mich mit einem Finnen unterhalten, der auf seine Frau wartete und von drei Engländern ein Foto gemacht. Dann  machte mich mich an den Abstieg über Soria. Ich bin aber nicht bis Soria gekommen, denn die blaue Linie auf meinem GPS lotste mich über einen anderen Weg. Der führte über und durch die Ortschaft "Cercados de Espino" und dort kurz vor Ortsausgang zur Bar "El Mate". Mein Magen zwang mich zur Einkehr. 

Was soll ich sagen, für 5,70 Euro bekam ich einen Cafe con Leche, ein halben Liter Mineralwasser und das wohl beste Bocadillo was ich seit Jahren gegessen hatte. Mit Tomate, Aioli, Salat, Schinken, Käse und einem Stück gebratener Hühnerbrust. Absolut Perfekt, dort muss ich nochmal hin! Der Wirt ließ sich auf ein Gespräch ein, er sprach relativ gut deutsch und erzählt mir, dass ganz oben noch Schnee liegen würde. Das Kaffee verfügt über einen kleinen Innenhof gleich neben der Straße in dem auch Gruppen Platz genug haben. Ein absoluter Geheimtipp!

Von dort ging es gemächlich mit Gegenwind zurück zur Küstenstraße, auf der ich wieder Rtg. Playa del Ingles fuhr. Mit 93 km und 1541 hm eine ordentliche erste Ausfahrt. Bilder gibt es morgen dazu, jetzt ist es schon spät und ich will für morgen wieder fit sein.


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Best Regards ;-)

Andi