Tour 2012 - Meine Nachlese

Freitag 27 Juli 2012 um 10:57

Tja, so schnell ist es wieder vorbei. Das abschließende Zeitfahren und die Tour d´Honneur konnte ich mir erst am nächsten Tag auf Eurosport anschauen, weil keine Zeit verblieb es Live zu sehen.

Und schon vor dem letzten Zeitfahren stand das Ergebnis im wesentlichen Fest. Es fühlte sich eher so an, als wenn beim Fußball jemand drei zu null führt und nur noch das Spiel sauber zu Ende bringen will.

Ein Hoch auf den Sieger, er hat mit seiner Mannschaft eine fantastische Arbeit geleistet und das Rennen seit der Übernahme des gelben Trikot sehr gut kontrolliert. Wiggins hat verdient gewonnen. Aber die Tour besteht nicht nur aus dem Sieger. Das ist das was ich so fantastisch finde an diesem Event, dass es alle Facetten einer Sportart in diesen drei Wochen zeigen kann. Jeden Tag ein neues Rennen mit unterschiedlichen Schwierigkeiten, unterschiedlichen Zielen der Mannschaften und unterschiedlichen Siegern.Aber wo Licht ist, ist auch Schatten, leider. Und auch den gab es. Daher schwingt in meiner Nachlese auch ein bisschen Wut und ein bisschen Trauer mit.

Sieger und Verlierer

Die Sieger dieser Tour sind eindeutig Sagan, Froome, Greipel und Voeckler. Sagan als Tour-Neuling zeigte eine Abgeklärtheit wie ihn sonst nur sehr erfahrene Fahrer bringen können. In den Ardennen war er im richtigen Moment vor, sprintete im richtigen Moment los und konnte Etappen, die eher für Bardoneure gemacht sind, für sich entscheiden. Damit legte er den entscheidenden Grundstein für sein grünes Trikot. Fahrer die ich hier eher gesehen hätte wären Chavanel und Gibert. Während Chavanel dort immer noch vorn mit dabei war, war von Gilbert, der im letzten Jahr lange die Weltrangliste angeführt hatte, gar nichts zu sehen. Keine Form oder Teampolitik? Vielleicht bekam er auch keine Gelegenheit, aber dies war definitiv nicht seine Tour.

Froome hat sich als Edel-Helfer von Wiggins einen Namen gemacht. Und er hat in den Bergen deutlich gezeigt dass er eigentlich mehr drauf hat. Absicht? Teilweise hatte es schon verächtliche Züge, wenn er Wiggins antrieb doch an ihm dran zu bleiben. Ich würde ihm wünschen dass er die Geduld hat noch ein weiteres Jahr als Helfer zu fahren, aber ich glaube man will versuchen ihm schon eine eigene Mannschaft zu geben. Ob er das auch kann?

Greipel, der Lichtblick aus deutscher Sicht, hatte wahrscheinlich nicht vor das grüne Trikot zu gewinnen. Sein Ziel waren Etappensiege und wahrscheinlich hat er eher die Goldmedaille in London im Visir. Seine Mannschaft war auf ihn abgestimmt und er hat zwei spektakuläre Sprints gewonnen, die ihm hoffentlich für London das nötige Selbstvertrauen geben werden. Denn dort wartet der Weltmeister im eigenen Land auf ihn. Und was der leisten kann haben wir auch gesehen. Aber auf jeden Fall war es toll und taktisch super gemacht wie er seine Mannschaft stets in die richtige Position brachte, den Sprint so anzufahren, wie er es brauchte.

Voeckler, der alte Recke, bei dem man das Gefühl hatte, er wolle es nochmal wissen. Er hatte das Polka-Dot wahrscheinlich am Anfang gar nicht auf dem Schirm. Ein schönes Beispiel, wie sich so etwas auch unabhängig von den eigentlichen Zielen entwickeln kann.

Die Verlierer dieser Tour sind aus meiner Sicht Evans, Menchov und das Gespann Basso/Nibali.

Einerseits ist es ein gutes Zeichen wenn nicht wieder ein Fahrer mehrere Jahre so ein Rennen dominiert. Und das Evans eigentlich auf einer sehr langsamen Etappe abgehängt worden ist macht ihn in meinen Augen erheblich menschlicher und ehrlicher. Bei ihm hatte ich stets das Gefühl, dass ist ein Mensch der nicht so sehr in der nahen Vergangenheit des Radsport mit allen seinen Doping-Skandalen lebt. Man konnte sehen wie er gekämpft hat, aber dass es nicht gereicht hat. Und das ist auch OK. Wäre er wie in junger Gott an Wiggins vorbei gefahren wäre mein Glauben an ihn eher gesunken. Das Gespann Nibali/Basso hätte ich erheblich stärker eingeschätzt. Aber dieses Duo konnte dann in den Bergen keine wirklichen Akzente mehr setzen. Basso habe ich ganze drei Mal in der Führung gesehen. Mehr war bei ihm offensichtlich nicht drin. Und Liquigas musste keine großartige Führungsarbeit leisten. Sie waren zwar immer da, auch um Sagan das Grüne zu sicher, aber sonst ... Schade finde ich es für Menchov. Er ist bis in die Berge unauffällig immer mitgefahren und war immer vorn dabei. Eine Etappe hat ihn abgehängt. Und dann hatte er vermutlich nicht mehr die Kraft nochmal, wie bspw. Sanchez, auf eine Etappe zu gehen. Und seine Zeitfahrqualitäten sind seit letzten Jahr eher schlechter geworden. Ich wünsche der Manschaft um Michael Holzer ein glückliches Händchen für die Vorbereitung der weiteren Rennen und für die Gestaltung des Trainings. Denn ich denke, dass bei einem kontinuierlicher Aufbau der Mannschaft diese noch zu anderen Leistungen fähig sind.

Der Fall Schleck

Ich hatte es schon geschrieben, mir fehlt jedes Verständnis dafür, dass ein Fahrer in der Spitzengruppe der Meinung ist, er wäre schlauer als die anderen. Und dieses ewige Dementi nervt! "Ich kann es nicht erklären und beantrage die B-Probe zu öffnen" - scheint immer noch der einzige Weg zu sein. Warum kneift er nicht den Arsch zusammen, sagt, ja, ich habe Scheiße gemacht und verpisst sich. Solche Leute sind dafür verantwortlich das der Jugendsport und die Vereinsarbeit im Radsport faktisch nicht mehr statt findet. Dann soll man sich auch nicht wundern wenn in 4 - 6 Jahren kaum noch ein deutscher Fahrer unter den ersten 50 der Welt ist.

Fazit

Es war wieder spannend und aufregend, drei Wochen extreme Leistungen und unglaublicher Kämpferwille. Zeichen von Kammeradschaft, wenn man dass Tempo rausnimmt um den Hauptgegner nach eine Reifenpanne wieder heranfahren zu lassen. Großartige Sprintfinals, lange Berganstiege, .... und zu guter letzt ein großartiger Jens Voigt. Los Jens, noch eine Tour .... ;-)